"Gerade ein deutscher Firmenleiter sollte wissen, dass Streik das gute Recht jedes Beschäftigten ist und sich jeglicher Herr-im-Haus-Rhetorik enthalten", sagte Putzhammer der "Berliner Zeitung". VW messe mit zweierlei Maß: "In Deutschland innovative Arbeitszeitmodelle, in Brasilien finstere Drohungen - das passt nicht zusammen."
Hintergrund ist der Plan der Wolfsburger, in den VW-Werken in Sao Paulo in der nächsten Woche knapp 4000 der dort insgesamt 25.000 Arbeitsplätze zu streichen - der Konzern begründet dies mit seinen anhaltenden Absatzproblemen im Land. Bereits jetzt arbeiten die VW-Werke in Brasilien wegen der schwachen Konjunktur Südamerikas derzeit nur mit halber Kapazität.
Krieg der Worte
Zwischen dem VW-Gesamtkonzern und den brasilianischen Gewerkschaften ist nun ein Krieg der Worte ausgebrochen, der auch die deutschen Arbeitnehmervertreter empört. Die VW-Arbeiter in Sao Paulo protestieren bereits seit August Widerstand gegen die Streich-Pläne, die aus ihrer Sicht gegen geltende Tarifvereinbarungen verstoßen würden. Am Montag brachte VW-Chef Pischetsrieder nun das Fass zum Überlaufen, indem er den Beschäftigten drohte: "Alle, die streiken, werden entlassen."
Bei den deutschen Gewerkschaften hat dieser Satz die Alarmglocken schrillen lassen - schließlich galt VW bislang als Vorbild für eine gute Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretungen. So gilt die Einführung der Vier-Tage-Woche sowie das Beschäftigungsmodell 5000 mal 5000 als Symbol dafür, wie die Betriebsparteien konstruktiv neue Arbeitsplätze schaffen können. Um so mehr sind die Gewerkschaften nun von Pischetsrieders Äußerungen irritiert.
DGB und IG Metall sind irritiert
"Das ist in der Tat eine Veränderung der Tonart und keine Hilfe in den Verhandlungen", sagte ein Sprecher der IG Metall in Niedersachsen der Berliner Zeitung. Auch DGB-Vorstand Putzhammer hob das Recht auf Streik hervor: VW sei nicht nur für gute Autos bekannt, sondern auch für die Art, wie man mit den Arbeitnehmern zusammenarbeite, sagte er. Schließlich könne auch in Deutschland niemand entlassen werden, nur weil er sich an einem Streik beteilige - dies verstoße gegen das "in der Verfassung festgelegte Recht".
Nun rudert VW auch schon zurück: Sprecher Dirk Große-Leege bemühte sich am Dienstag, die Worte seines Chefs zu präzisieren: Pischetsrieder habe mit seiner Drohung nun Teilnehmer an "illegalen" Streiks gemeint. Die teilweise bis 2006 laufende Beschäftigungsgarantie würde dann entfallen. Große-Leege sagte, dass die Arbeitsverträge einen Arbeitskampf aus Sicht des Konzerns untersagen würden.
Dies sei eine gezielte Falschdarstellung, sagte der brasilianische Gewerkschaftsführer Lopez Feijoo. Die Gewerkschaften hätten niemals eine Vereinbarung unterzeichnet, die Streik als Mittel der Auseinandersetzung verböte.
VW fühlt sich im Recht
Doch VW fühlt sich im Recht: Nach eigener Darstellung hat der Konzern in der vorigen Woche das bisher größte Programm für einen freiwilligen Ausstieg von Mitarbeitern aus einem Unternehmen angeboten, dass es in Brasilien je gegeben habe. VW hätte angeboten, die betroffenen 4000 Mitarbeiter in Trainingsprogrammen auf andere Jobs vorzubereiten. Die Gewerkschaften hätten dies jedoch abgelehnt.
Quelle: spiegel.de
